Wirkungen von Yoga

Newsletter 17.4.2020

Die Wirkungen von Yoga


„Schatz, bevor wir weiter reden, mach erst mal Yoga!“

Dieser süß-säuerliche Satz, während einer Auseinandersetzung gesprochen,

zeigt die Ambivalenz von Wirkungen, die dem Yoga zugesprochenwerden.
Vielleicht möchte der  Sprecher eine ganz andere Wirkung bei
seiner angesprochenen Person sehen als diese selbst vom Yoga.

Vielleicht kann oder will der Yoga diese Wirkung gar nicht hervorbringen.
 

In älteren Yogabüchern findet man manchmal Hinweise auf Wirkungen einzelner Haltungen
(Sanskrit: asanas), etwa die Haltung XY helfe gegen xyz.

Leider entsprangen solche Behauptungen eher einer Wunschvorstellung
und hielten medizinischen Überprüfungen nicht stand.


Zweifellos wirkt eine Übungspraxis. Aber stellt sich auch die gewünschte oder benötigte Wirkung
ein, oder verstärkt sie lediglich vorhandene mentale und körperliche Strukturen?

Trägt die Übungspraxis zur Heilung bei, oder intensiviert sie möglicherweise sogar vorhandene Leiden?

Die Wirkung einer Yoga-Übungspraxis entspringt einem Geflecht vielfältiger Bedingungen.

Die ausgeführte Haltung oder Bewegung ist nur ein Faktor unter vielen
und vielleicht nicht einmal der entscheidende.

Schauen wir uns zunächst die Rahmenbedingungen an,

die Vorbedingungen, die hilfreich sind und
nicht unwesentlich zur Heilwirkung der Übungspraxis beitragen.


Der wichtigste Schritt ist bereits unternommen, wenn ich den Entschluss fasse, etwas für mich zu
tun, mir Zeit für mich zu nehmen, um zum Beispiel einige Yogaübungen auszuführen, und wenn ich
dann diesen Entschluss auch umsetze. („Es gibt nichts Gutes – außer man tut es.“ Erich Kästner)


Dafür brauche ich einen ruhigen und sauberen Platz mit frischer Luft, auf dem ich übe. Der groß
genug ist, dass ich meine Bewegungen ausführen kann. Vielleicht beginnt die Heilung bereits damit,
dass ich mir einen eigenen Raum verschaffe, der nur für mich ist, und wenn er nur aus einer Nische
besteht. Aber es ist mein Platz. Und den gestalte ich mir so, dass ich mich dort wohlfühle. Was hilft
mir dabei? Vielleicht eine Kerze, eine Blume oder ein Bild oder ein Platz ganz frei von
irgendwelchen Ablenkungen?

Angenehm ist auch eine rutschfeste Unterlage, eine hübsche Decke
oder ein Teppich beispielsweise. Auf den ich mich auch hinlegen kann, um mich auszuruhen.
Dieser Platz bleibt dann im besten Fall über die Übungszeit hinaus erhalten, oder ich schaffe ihn
mir vor jedem Üben neu.


Dazu gehört auch, einen Zeitrahmen abzustecken, innerhalb dessen ich ungestört üben kann.

Kein Telefon, keine Kinder – sie lernen zu akzeptieren,

dass ich für diesen Zeitraum ungestört bleiben will.

Nun beginnt die eigentliche Praxis.

Ich lasse mich auf diesem Platz nieder und ziehe in Gedanken
oder in der Tat einen Schutzkreis um diesen Platz. Damit schirme ich mich von äußeren Einflüssen
ab, die für diese Zeit unerwünscht sind.

Anschließend wende ich mich an höhere Kräfte mit der Bitte, mich zu unterstützen.
Diese Kräfte können Schutzengel sein, die Kraft der Natur von Mutter Erde,
Gott, andere unterstützende Kräfte wie zum Beispiel spirituelle Lehrer,

oder ich richte die Bitte unadressiert einfach in den Raum.


Viele von uns haben bereits selbst erlebt, dass sie in
besonderen Situationen, in Gefahrensituationen etwa, unerwartet unterstützt wurden.

Wir sind „von guten Mächten wunderbar geborgen…“ (Dietrich Bonhoeffer).
Und es hilft, wenn man sie umUnterstützung bittet, aber sie wollen eingeladen werden.
Dies ist der tiefere Sinn von Beten. Eine Zwiesprache herzustellen mit der Dimension, die größer ist als wir selbst.

Jetzt kann eine rituelle Praxis beginnen, rituell deshalb, weil sie eingebettet ist in einen
überindividuellen Zusammenhang und bewusst ausgeführt wird.


In manchen Kulturen folgt ein Gebet und dazu eine Kontemplation;

andere Kulturen reisen mit einem Krafttier zu den Quellen des Lebens.
Im Yoga stellt der eigene Leib einen Tempel dar, den ich liebevoll pflege
und ihn als Gefäß für eine höhere Kraft, die in mir wirkt, verstehe und, noch
wichtiger, erlebe. Diese höhere Kraft kann einfach „nur“ die Lebenskraft sein, sie kann je nach
religiöser Ausrichtung z.B. auch Gott sein.


Aber im Yoga geht es darum, dass ich diese Kraft erlebe. Deshalb richte ich meine Aufmerksamkeit
mit Hilfe unseres inneren Gespürs auf die Lebensprozesse in mir.

Vielleicht spüre ich am Anfang meiner Übungspraxis überhaupt nichts.
Aber es geht um das Bemühen, um die Aufmerksamkeit, die
ich mir und den Vorgängen in mir widme.

Später, mit fortgeschrittener Übungspraxis, lenke ich die
Aufmerksamkeit nicht nur auf die Prozesse in mir, sondern auch auf das Geschehen um mich herum
und auf die Wechselwirkung zwischen dem Äußeren und meinem inneren Geschehen.

Dann kann ich mich eingebettet fühlen in den Strom des Lebens,
kann erleben, wie es in mir pulsiert, kribbelt,
warm wird oder weit, oder was sonst noch alles in mir geschieht.

Dann kann ich erleben, wie ich mich in ständigem Austausch mit meiner Umwelt befinde,
zum Beispiel indem ich atme, Luft von außen einziehe
und meine verbrauchte Luft wieder nach außen abgebe.

Ich kann diesen Austausch auch als „empfangen“ und „gestalten“ erleben;
ich empfange oder verleibe mir die Außenwelt ein
z.B. durch Nahrung oder Musik oder Gespräche und gestalte sie durch meine Äußerungen, durch
mein Verhalten.


Die Mittel meiner Übungspraxis können sehr vielgestaltig sein,

im körperorientierten Yoga spielen
Körperhaltungen und -bewegungen eine große Rolle.

Sie sind Werkzeuge, nicht Selbstzweck.
Werkzeuge, um meinen Organismus zu pflegen, zu reinigen und zu kräftigen.

Werkzeuge, um mich
zu fühlen, um mich  selbst zu erleben, und um mit dieser Fähigkeit des Fühlens auch die Menschen und
Lebewesen um mich herum zu fühlen, mit ihnen zu fühlen, wie es ihnen geht.

Werkzeuge, umgezielt Kontakt aufnehmen zu können
oder auch abbrechen zu können, je nach dem, wie es mir in
diesem Moment angemessen erscheint.


Entscheidend für die Wirkung einer Yoga-Praxis ist also nicht nur, welche Übungen ich ausführe,
sondern vor allem auch die Art und Weise, wie ich die Übungen ausführe, und dazu gehört auch,
wie ich die Rahmenbedingungen gestalte. Wichtig: die Maßnahmen müssen zu mir passen!
Ich schaffe einen geeigneten Rahmen für meine Yoga-Praxis.

Zum Schluss löse ich diesen Rahmen wieder auf,
indem ich meine Praxis mit einem kurzen Dank beende und danach den Schutzkreis
wieder auflöse.


Vor allem für Yoga-Übende, die noch nicht so lange ihre Praxis ausführen, ist es hilfreich, wenn sie
ihre Praxis regelmäßig und zur selben Uhrzeit und am selben Ort ausführen. Dies strukturiert den
Alltag neu. Außerdem lädt sich der Ort gewissermaßen mit den Erfahrungen während der Yoga-
Praxis auf und hilft meinem Organismus, wenn ich den Ort aufsuche, sich wieder an den Zustand
während des Yoga-Übens zu erinnern. Auf diese Weise kann es leichter gelingen, sich aus dem
Alltag zurück zu ziehen und in die besondere Atmosphäre des Yoga einzutauchen.


In diesem Sinne wünsche ich Euch viel Freude beim Üben.


Ulrich Fritsch, 17.4.2020

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