{"id":879,"date":"2024-02-01T13:40:00","date_gmt":"2024-02-01T12:40:00","guid":{"rendered":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/?p=879"},"modified":"2024-02-08T22:51:19","modified_gmt":"2024-02-08T21:51:19","slug":"dem-hass-entgegentreten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/index.php\/2024\/02\/01\/dem-hass-entgegentreten\/","title":{"rendered":"Dem Hass entgegentreten"},"content":{"rendered":"\n<p>Newsletter, 30.1.2024<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Yoga-Interessierte,<\/p>\n\n\n\n<p><strong>dem Hass entgegentreten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>ist ein Grundanliegen des Yoga. Denn Hass, Gier und Verblendung z\u00e4hlen im Yoga zu den Hauptursachen f\u00fcr pers\u00f6nliches Leiden. Yoga ist wie kaum ein anderes \u00dcbungskonzept geeignet, Denkweisen entgegenzutreten, die gegen die freie Entfaltung von Menschen gerichtet sind. Denn Freiheit ist<em> das <\/em>Ziel des Yoga! Freiheit von Leiden, Freiheit von vorgefassten Konzepten, die wir zwischen unsere Wahrnehmung und das Wahrzunehmende schieben, Freiheit von Zuordnungen, die uns oder andere einschr\u00e4nken, Freiheit von Hass, Gier und Verblendung.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Yoga-Praxis kann auf unterschiedlichen Ebenen dem Hass entgegentreten. Das emanzipatorische Potenzial des Yoga kann das Selbstvertrauen und die Selbstwirksamkeit st\u00e4rken. Damit wird zugleich die Basis f\u00fcr solidarisches Handeln gelegt. Die Verfeinerung der Aufmerksamkeit und ein geschultes K\u00f6rpererleben f\u00f6rdern eine differenzierende Wahrnehmung und unterlaufen vorgefasste Konzepte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorgefasste Konzepte sind immer ungenau. Hass und Gewalt werden erst durch pauschalisierende Kategorien m\u00f6glich. Dann verschwindet der einzelne Mensch mit seinen Eigenheiten in einem Nebel von Zuordnungen, die ihn entmenschlichen und zu einer Sache herabstufen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGehasst wird ungenau. Pr\u00e4zise l\u00e4sst sich nicht gut hassen. Mit der Pr\u00e4zision k\u00e4me die Zartheit, das genaue Hinsehen oder Hinh\u00f6ren, mit der Pr\u00e4zision k\u00e4me jene Differenzierung, die die einzelne Person mit all ihren vielf\u00e4ltigen, widerspr\u00fcchlichen Eigenschaften und Neigungen als menschliches Wesen erkennt\u201c<a href=\"#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a>, schreibt die Philosophin und Tr\u00e4gerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 2016, Carolin Emcke. Und weiter: \u201eSind die Konturen aber erst einmal abgeschliffen, sind Individuen als Individuen erst einmal unkenntlich gemacht, bleiben nur noch unscharfe Kollektive als Adressen des Hasses \u00fcbrig, wird nach Belieben diffamiert und entwertet, gebr\u00fcllt und getobt: <em>die<\/em> Juden, <em>die<\/em> Frauen, <em>die<\/em> Ungl\u00e4ubigen,<em> die<\/em> Schwarzen, <em>die<\/em> Lesben, <em>die <\/em>Gefl\u00fcchteten, <em>die<\/em> Muslime oder auch <em>die<\/em> USA,<em> die<\/em> Politiker, <em>der<\/em> Westen, <em>die <\/em>Polizisten, <em>die<\/em> Medien, <em>die<\/em> Intellektuellen. Der Hass richtet sich das Objekt des Hasses zurecht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hass braucht einen Boden, in dem seine Saat aufgehen kann. Hass braucht vorgepr\u00e4gte Muster, in die er sich aussch\u00fcttet, vorgeformte Begriffe, in denen gedem\u00fctigt, Assoziationsketten und Bilder, in denen gedacht und sortiert wird. Die Raster der Wahrnehmung m\u00fcssen bereits vorgeformt sein, in denen dann kategorisiert und abgeurteilt werden kann, erl\u00e4utert die Friedenspreistr\u00e4gerin.<\/p>\n\n\n\n<p>Sich der eigenen Raster bewusst zu werden, sich genau zu beobachten, sich genau zu sp\u00fcren, seine Mitwelt differenziert wahrzunehmen, die eigenen Kategorien kritisch zu \u00fcberpr\u00fcfen, sind Ziele im Yoga und Mittel zur Freiheit. Es sind dieselben Mittel, mit denen dem Hass begegnet werden kann: \u201eDem Hass begegnen l\u00e4sst sich nur durch das, was dem Hassenden abgeht: genaues Beobachten, nicht nachlassendes Differenzieren und Selbstzweifel\u201c<a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a>, schreibt Emcke.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch es geht nicht nur darum, sich selbst wahrzunehmen. Im Yoga geht es auch darum, einen Perspektivwechsel vorzunehmen, nicht mehr selbst im Mittelpunkt zu stehen, sondern seine <em>Verwobenheit in die Mitwelt<\/em> zu erkennen. Dazu ben\u00f6tigen wir eine innere Haltung, in der wir feinf\u00fchlig sp\u00fcren und zugleich distanziert beobachten. \u201eDie fehlende Distanz zwischen dem, was wahrnimmt und dem, was wahrgenommen wird, f\u00fchrt zu Leid\u201c, finden wir in Patanjalis Yoga-Sutra 2.17. Wenn wir in unserer Yoga-Praxis unser K\u00f6rpergef\u00fchl verfeinern und zugleich ein\u00fcben, distanziert und differenziert wahrzunehmen, bevor unser Verstand beurteilt, dann bilden wir Kernkompetenzen aus, die unabdingbar sind, um Hass und jedweder Form von Gewalt und Zerst\u00f6rung entgegenzutreten. Wenn ich mich in einen anderen Menschen einf\u00fchle, erlebe ich seine Vielseitigkeit. Dann kann ich die vorgefasste Meinung, die ich mir \u00fcber diesen Menschen gemacht habe, zerbrechen und aufl\u00f6sen. Vielleicht besteht die wichtigste Erfahrung darin zu sp\u00fcren, wie ich als Individuum mit allen anderen Lebewesen in einem Netz von Beziehungen verwoben bin. Dann wird Einf\u00fchlen m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich die Wahrnehmung gegen\u00fcber dem Eingebunden-Sein in die Mitwelt ein\u00fcbe und verfeinere, dann r\u00fcckt der Andere, mit dem ich verbunden bin, in den Blick. Ebenso kann das andere, nicht-menschliche Lebewesen aus dem Tier- und Pflanzenreich in den Fokus meiner Aufmerksamkeit treten. Dann kann ich dieses Lebewesen sehen, erkennen und anerkennen. Hass und andere Formen der Zerst\u00f6rung setzen oft das <em>Ver<\/em>kennen des Anderen voraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht besteht die gr\u00f6\u00dfte Gefahr, wenn wir mit Hass konfrontiert sind, darin, dass wir selbst zu hassen beginnen. Zum Beispiel die Person, die mich mit ihrem Hass \u00fcberzieht. Gerade dann ist es notwendig, sich selbst gegen\u00fcber kritisch zu begegnen, sich selbst gegen\u00fcber eine beobachtende Haltung einzunehmen und sich nicht von der Angst l\u00e4hmen zu lassen, sondern sie abzubauen, indem wir tief durchatmen und wieder entspannen und einf\u00fchlsam bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal ist es aber auch notwendig, mit anderen Menschen zusammen dem Hass entgegenzutreten. Weil die Ursachen des Hasses nicht bereits dadurch beseitigt werden, dass ich mich als Individuum gegen\u00fcber dem Hass immunisiere.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit anderen zusammen dem Hass entgegenzutreten wird sp\u00e4testens dann notwendig, wenn andere Menschen sich anschicken, meine Freiheit oder die meiner Freunde oder Mitmenschen einzuschr\u00e4nken. Immer wieder muss ich an das Zitat des evangelischen Theologen Martin Niem\u00f6ller denken:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>\u201eAls die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>In diesen Tagen bildet sich ein breites B\u00fcndnis von Menschen, die sich f\u00fcr den Erhalt von Demokratie und Menschenw\u00fcrde einsetzen. Mehrt als eineinhalb Million Menschen in ganz Deutschland haben bisher gegen den Rechtsruck demonstriert. Das finde ich sehr ermutigend.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Auch in Lich wird es am Sonntag, den 4.2.24 um 14.00 Uhr auf dem Kirchplatz in der Stadtmitte eine Kundgebung geben: \u201eLich steht auf! Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar\u201c. Dazu rufen alle im Parlament vertretenen Parteien und Listen auf, verschiedene Kirchengemeinden, Kultureinrichtungen, zahlreiche Vereine, Verb\u00e4nde und Unternehmen. Den Aufruf f\u00fcge ich im Anhang diesem Newsletter bei. Vielleicht sehen wir uns am Sonntag auf dem Kirchplatz.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Herzliche Gr\u00fc\u00dfe,<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Ulrich Fritsch<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\" id=\"sdfootnote1sym\">1<\/a>Carolin Emcke, Gegen den Hass, Frankfurt 2016, S. 12<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\" id=\"sdfootnote2sym\">2<\/a>Carolin Emcke, Gegen den Hass, 2016, S. 18<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Newsletter, 30.1.2024 Liebe Yoga-Interessierte, dem Hass entgegentreten ist ein Grundanliegen des Yoga. Denn Hass, Gier und Verblendung z\u00e4hlen im Yoga zu den Hauptursachen f\u00fcr pers\u00f6nliches Leiden. Yoga ist wie kaum ein anderes \u00dcbungskonzept geeignet, Denkweisen entgegenzutreten, die gegen die freie Entfaltung von Menschen gerichtet sind. Denn Freiheit ist das Ziel&hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6],"tags":[24,26,25],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/879"}],"collection":[{"href":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=879"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/879\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":882,"href":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/879\/revisions\/882"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=879"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=879"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=879"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}