{"id":720,"date":"2020-04-03T10:10:00","date_gmt":"2020-04-03T08:10:00","guid":{"rendered":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/?p=720"},"modified":"2020-04-18T10:41:22","modified_gmt":"2020-04-18T08:41:22","slug":"yoga-und-ethik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gemeinwohlyoga.de\/index.php\/2020\/04\/03\/yoga-und-ethik\/","title":{"rendered":"Yoga und Ethik"},"content":{"rendered":"\n<p>Newsletter, 3.April 2020<\/p>\n\n\n\n<p>Thema: <strong>Die ethische Grundlage des Yoga<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Yogainteressierte,<\/p>\n\n\n\n<p>der indische Premierminister Narenda Modi animiert seine 1,3 Milliarden Landsleute dazu, sich w\u00e4hrend der strikten Ausgangsbeschr\u00e4nkungen wegen der Coronapandemie die Zeit mit Yoga zu vertreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Er selbst \u00fcbt zweimal die Woche Yoga und schreibt auf Twitter: \u201eYoga zu praktizieren ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil meines Lebens, und ich habe es als gut f\u00fcr mich empfunden.\u201c Regelm\u00e4\u00dfig turnt er auf YouTube Yoga-Haltungen vor zum Nachmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte sich \u00fcber soviel Unterst\u00fctzung f\u00fcr Yoga freuen, h\u00e4tte sie nicht einen fahden Beigeschmack. Denn wenn man Modis nationalistische Politik anschaut, z.B. wie seine Hindu-Partei gegen Minderheiten, besonders gegen Muslime, hetzt, kommen einem Zweifel. Vom Geist des Yoga ist hier jedenfalls nichts zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Einfach nur irgendwelche Yoga-Haltungen einzunehmen f\u00fchrt offensichtlich nicht automatisch zu einem toleranten Verhalten, das von Liebe und Mitgef\u00fchl gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie sieht denn die Ethik des Yoga denn \u00fcberhaupt aus?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Yoga und Ethik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Yoga ist bei uns im Westen als ein weltliches \u00dcbungssystem bekannt und kann mit diesem Verst\u00e4ndnis auch mit gro\u00dfem Nutzen ge\u00fcbt werden. Bereits die heilgymnastische Wirkung ist anerkannterma\u00dfen gesundheitsf\u00f6rdernd und hat in unserer Medizin als Pr\u00e4vention mittlerweile einen festen Platz. Seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts bem\u00fchen sich zahlreiche Yogalehrende im Westen, auch den spirituellen Gehalt f\u00fcr unser Leben herauszuarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Traditionell ist Yoga ein spirituelles \u00dcbungssystem. Im Mittelpunkt der steht die Pflege der mentalen Verfassung und die Anbindung an die Kraft, die die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob man diese Kraft nun \u201eGott\u201c, \u201eAllah\u201c, \u201eMutter Erde\u201c oder \u201eKosmische Energie\u201c nennt, ist dabei unerheblich. Vielmehr geht es im Yoga darum zu sp\u00fcren und bewusst zu erleben, dass wir alle miteinander und mit allen Lebewesen st\u00e4ndig verbunden sind und von der Kraft des Lebens getragen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man sich dieser Verbindung bewusst ist und sie auch leiblich f\u00fchlt, ist man wahrlich \u201evon guten M\u00e4chten wunderbar geborgen\u201c, wie Dietrich Bonhoeffer es formulierte. Mehr braucht es nicht, um ein zufriedenes und gl\u00fcckliches Leben zu f\u00fchren, denn man befindet sich im Vertrauen und im Einklang mit sich, der sozialen Umgebung und der Natur. Alles andere ergibt sich dann wie von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wir sind uns der Verbindung mit allem Lebendigen oftmals nicht mehr bewusst und haben das Gesp\u00fcr daf\u00fcr vernachl\u00e4ssigt. Die Erfahrung des Yoga besteht darin, dass man dieses Bewusstsein wieder herstellen kann, wenn man einen ausgeglichenen Gem\u00fctszustand herstellt und wenn man seinen klaren Verstand kultiviert. Auf dieser Grundlage kann man sich selbst und seine Qualit\u00e4ten erkennen und seinen angemessenen Platz im Leben und im Einklang mit der Natur finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Yoga\u00fcbungen beziehen sich jedoch nicht nur auf das Gem\u00fct, sondern \u2013 weil damit untrennbar verbunden &#8211; auch auf den Leib. Es ist wichtig, den eigenen K\u00f6rper zu sp\u00fcren, denn unser K\u00f6rper sp\u00fcrt und erkennt Dinge, die unser Verstand nicht begreifen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verbindung mit den Kr\u00e4ften des Lebens wird im Yoga nicht \u00fcber einen Glauben (wie es die christlichen Kirchen fordern) hergestellt, sondern als sinnliche Erfahrung im Leib gef\u00fchlt! Das schlie\u00dft den Glauben an Gott nicht aus, sondern kann diesen Glauben erg\u00e4nzen. Damit ist Yoga weltanschaulich neutral, aber keineswegs beliebig.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt moralischer Vorschriften, wie wir sie im Christentum kennen, gibt es im Yoga ethische Empfehlungen, die sogenannten Yamas und Niyamas. Sie umfassen Vorschl\u00e4ge im Umgang mit anderen Menschen(Yamas) und mit sich (Niyamas). Es sind Empfehlungen mit dem Ziel, ein gl\u00fcckliches und von Leid freies Leben zu f\u00fchren. Dahinter steht die Vorstellung, dass jedes Denken und Verhalten auch Folgen f\u00fcr die handelnde Person hat und man mit seinem Denken und Handeln die Ursachen f\u00fcr sp\u00e4tere Umst\u00e4nde legt, die man erleben wird. Diese Folgen k\u00f6nnen sogleich, bald oder in ferner Zukunft eintreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Yoga stellt die Selbstverantwortung in den Mittelpunkt. Yoga ist bestrebt, den Menschen in die Lage zu versetzen, selbstverantwortlich zu handeln. Dementsprechend gibt es im Yoga keine strafende Instanz, die Fehlverhalten sanktioniert, sondern die Yoga \u00fcbende Person ist angehalten, im eigenen Interesse den Empfehlungen zu folgen nach dem Motto: Handle stets so, wie Du gerne h\u00e4ttest, dass Du behandelt wirst. (Man f\u00fchlt sich an den Kategorischen Imperativ Immanuel Kants erinnert, auf dem unsere westliche Ethik beruht: \u201eHandle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde\u201c.)<\/p>\n\n\n\n<p>Die ethischen Richtlinien des Yoga in Bezug auf unsere Haltung gegen\u00fcber unserer Umgebung lauten:<\/p>\n\n\n\n<p>1. nicht verletzen, d.h. es wird empfohlen, \u00fcberlegt und behutsam mit allem was lebt umzugehen,<\/p>\n\n\n\n<p>besonders mit Lebewesen, die hilflos sind oder die sich in Schwierigkeiten befinden und<\/p>\n\n\n\n<p>Mitgef\u00fchl zu entwickeln;<\/p>\n\n\n\n<p>2. die Wahrheit sagen, d.h. sich aufrichtig zu verst\u00e4ndigen durch Sprache, Gesten und Handlungen;<\/p>\n\n\n\n<p>3. nicht stehlen, d.h. die F\u00e4higkeit zu entwickeln, sich von dem Wunsch zu l\u00f6sen nach Dingen, die<\/p>\n\n\n\n<p>einem nicht geh\u00f6ren und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit zu entwickeln;<\/p>\n\n\n\n<p>4. aus dem Gef\u00fchl heraus handeln, dass man verbunden ist mit allen Lebewesen;<\/p>\n\n\n\n<p>5. nicht horten, d.h. die F\u00e4higkeit zu entwickeln, sich auf das zu beschr\u00e4nken, was man braucht und<\/p>\n\n\n\n<p>nur das zu nehmen, was einem zusteht (z.B. nicht auf Kosten zuk\u00fcnftiger Generationen zu leben).<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter diesen Empfehlungen steht die Vorstellung, dass wir Menschen nicht Spielball fremder M\u00e4chte sind, die, z.B. durch Opfergaben, bes\u00e4nftigt werden m\u00fcssen, sondern dass wir unser Schicksal selbst in der Hand haben. Ein Kernsatz im Yoga lautet: \u201eZuk\u00fcnftiges Leiden kann vermieden werden.\u201c (YogaSutra, Patanjali) Wenn ich verstanden habe, dass ich mit meinem Denken und Handeln jetzt die Ursachen daf\u00fcr lege, was mir sp\u00e4ter widerfahren wird, habe ich es in der Hand, meine Zukunft zumindest mitzugestalten. (\u201eWie es in den Wald hineinruft, so schallt es wieder heraus.\u201c) Was wir letztlich erleben werden, ist abh\u00e4ngig von vielerlei Umst\u00e4nden, denn wir sind eingeflochten in ein Netz mit unz\u00e4hligen Lebewesen, die alle aufeinander einwirken. Logischerweise ist das, was uns widerfahren wird, auch abh\u00e4ngig davon, welche Ursachen wir in der Vergangenheit gelegt haben, deren Wirkung wir nun erleben. Heute erleben wir am Beispiel des Klimawandels diesen Zusammenhang von Ursache und Auswirkung besonders deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Yoga behauptet, dass es m\u00f6glich ist, ein Leben zu f\u00fchren, ohne unter den Herausforderungen, die das Leben stellt, zu leiden. M\u00f6glicherweise habe ich Schmerzen, aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich darunter leiden muss. Eine geeignete Yogapraxis verhilft dazu, auch mit den widrigsten Umst\u00e4nden zurecht zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u00dcbungspraxis wird erst dann zur Yogapraxis, wenn sie geeignet ist, diese ethischen Qualit\u00e4ten im \u00fcbenden Menschen hervorzurufen. Sonst ist die \u00dcbungspraxis eine sch\u00f6ne Form von Edelgymnastik. Oder verkommt zur Ideologie, wie bei dem indischen Premierminister Modi.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend geht es im Yoga nicht darum, all das, was ich oben geschrieben habe, zu glauben, sondern durch eine eigene regelm\u00e4\u00dfige \u00dcbungspraxis zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinn w\u00fcnsche ich Euch ein frohes \u00dcben und kommt gut durch diese au\u00dfergew\u00f6hnliche Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Herzliche Gr\u00fc\u00dfe,<\/p>\n\n\n\n<p>Ulrich Fritsch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Newsletter, 3.April 2020 Thema: Die ethische Grundlage des Yoga Liebe Yogainteressierte, der indische Premierminister Narenda Modi animiert seine 1,3 Milliarden Landsleute dazu, sich w\u00e4hrend der strikten Ausgangsbeschr\u00e4nkungen wegen der Coronapandemie die Zeit mit Yoga zu vertreiben. 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